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Von Papenburg auf alle Weltmeere

Papenburg ist eine Stadt des Schiffbaus und der Seefahrer. Das 19. Jahrhundert war die maritime Blütezeit der Stadt. Rund 200 Schiffe fuhren um 1860 unter Papenburger Flagge auf allen Weltmeeren – mehr als 1000 Frauen und Männer aus Papenburg waren damals auf See. Dabei reisten sie vom Nordkap bis zum Kap der guten Hoffnung, von der Karibik bis ins chinesische Meer.

Die Blumenschau 2019 steht unter dem Motto „Zeit für Entdecker“ und stellt sechs Papenburgerinnen und Papenburger aus dieser Epoche vor. Männer und Frauen, die für sich als Entdecker aus unserer Heimatstadt in der ganzen Welt unterwegs waren, Waren verschifft und fremde Länder kennengelernt haben. Dabei haben sie unglaubliche Geschichten erlebt, die uns noch heute staunen lassen.

Margaretha Meinders (Freemantle, Australien)

Eine der dramatischsten Seemannsgeschichten ist die der Margaretha Meinders, also genauer gesagt, eine Seefrauengeschichte. Die 27-Jährige Papenburgerin brach im Jahr 1890 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Kapitän Hermann Meinders, und der vier Jahre alten Tochter Susanne nach Australien auf. Die gesamte Familie fuhr gemeinsam mit acht weiteren Matrosen auf dem Schoner „Johanna“ von Mauritius aus nach Melbourne, Australien. Die Ladung bestand aus mehr als 1000 Säcken Zucker. Nachdem die „Johanna“ am 3. April 1890 in See gestochen war, dauerte es nicht lange, bis fast alle Besatzungsmitglieder krank wurden und unter hohem Fieber litten. Den Berichten der damaligen Zeit nach sind nur Margaretha Meinders und ihre Tochter Susanne vom Fieber verschont geblieben. Doch damit nicht genug: Bei andauernd schwerer See im indischen Ozean schlug das Schiff auf dem Weg nach Melbourne Leck. Doch die Mannschaft war zu schwach, um das Schiff zu lenzen. So war es die tapfere Kapitänsfrau, die gemeinsam mit dem halbwegs gesunden Steuermann Hermann Heyen bei Sturm und Wind sowohl rund 500 der schweren Zuckersäcke über Bord warf, als auch das Schiff steuerte und die Mannschaft versorgte.

Am 16. Juni 1890 schließlich kam der Hafen Freemantle an der australischen Westküste in Sicht, den die „Johanna“ als Nothafen anlaufen konnte. Für drei der Besatzungsmitglieder kommt zu diesem Zeitpunkt leider jeder Hilfe zu spät – sie waren auf der Reise dem Fieber erlegen. Von Freemantle aus ging die Reise für die „Johanna“ dann nach Melbourne, dem eigentlichen Zielhafen auf der rund 4.500 Kilometer langen Route. Tragischer Weise verstarb auf dieser Strecke auch noch der Mann von Margaretha Meinders, Kapitän Hermann Meinders.

In Australien hatte sich die heldenhafte Geschichte der Kapitänsfrau und des Steuermanns Hermann Heyen schnell herumgesprochen und war als Schlagzeile in vielen Zeitungen zu lesen. Die beiden werden als Helden der See gefeiert und erhalten neben einem feierlichen Empfang noch eine Gratifikation in Silber sowie eine goldene Uhr. Der norddeutsche Lloyd, ebenfalls beeindruckt von dieser Leistung, spendiert Margaretha Meinders und ihrer Tochter Susanne eine Überfahrt von Melbourne in die Heimat – nach Papenburg.

Kapitän Carl Conrad Müllmann (Port Elizabeth, Südafrika)

In einen der schwersten Stürme aller Zeiten in der Algoa-Bucht bei Port Elizabeth in Südafrika wurde der Papenburger Kapitän Carl  Conrad Müllmann am 1. Februar 1902 verwickelt. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 56 Jahre alt und schon seit 42 Jahren zur See gefahren. C.C. Müllmann, wie er auch genannt wurde, war ein äußerst erfahrener Kapitän, der mit den Schiffen „Immanuel“, „Saturnis“ und zuletzt mit der Bark „Hans Wagner“ vor allem den Atlantik bis rund um das Kap der guten Hoffnung befuhr.

Am schicksalsträchtigen 1. Februar 1902 wehte in der Algoa-Bucht ein schwerer Orkan, der berüchtigte „Black-South-Easter“. Der Wind drückte von Südosten in die Bucht und die Schiffe damit in Richtung Strand, der sich in nördlicher und westlicher Richtung erstreckte. Die Stadt Port Elizabeth hat darum auch eine eigene Anker-Kommission, die bei allen Schiffen, die in der Bucht vor Anker liegen, die Ketten und die Anker überprüfte. Wer keine ausreichend starken oder großen Anker und Ketten besaß, durfte nicht bleiben.

Aber mit einem Wind wie an diesem Tag hatte niemand gerechnet. Durch den Orkan brachen bei der „Hans Wagner“ von Kapitän Müllmann alle drei Ankerketten. Darum setzte der erfahrene Kapitän sofort die Segel am Klüver und hielt mit dem Wind frontal auf den Strand im Westen zu. Da man dem Orkan nicht entkommen konnte, und nicht seitwärts in das flache Wasser getrieben werden wollte, war dies die einzige Möglichkeit, das Schiff und die Besatzung zu retten. Das waghalsige Manöver gelang und der Bug der „Hans Wagner“ bohrte sich in den Strand. Kein Besatzungsmitglied kam ums Leben, wohl aber war das Schiff verloren. Weniger Glück hatte die Bark „Nautilus“, die das gleiche Manöver ebenfalls versuchte, aber seitlich kenterte. Alle Mann an Bord verloren dabei ihr Leben. Der Schiffsführer der „Nautilus“, Kapitän Assing, war ein guter Freund von C.C. Müllmann gewesen. An diesem Tag wurden mehr als 20 Schiffe durch den Orkan an Land geweht. Mehr als 100 Seeleute kamen dabei um. In Port Elizabeth wurde daraufhin acht Tage lang auf Halbmast geflaggt.

Für Kapitän Müllmann waren diese dramatischen Ereignisse der Abschluss seines Jahrzehnte langen Seefahrerlebens. Er kehrte zurück nach Papenburg und setzte sich zur Ruhe. In seiner Heimatstadt starb C.C. Müllmann am 5. Oktober 1909.

Kapitän Hermann Sandmann (Bangkok, Asien)

Es gibt wohl kaum einen Kapitän aus Papenburg, der so viel von der Welt gesehen hat, wie Hermann Sandmann – zumal auch kaum ein Kapitänsleben so gut dokumentiert wurde wie seines, von ihm selbst. Hermann Sandmann hat 1896 als alter Mann von 78 Jahren seine Lebenserinnerungen zu einem Privatdruck für seine Familie herausgegeben. 1982 hat Sandmanns Urenkel Lambert Lindemann das Buch noch einmal verlegt, eine zweite Auflage folgte 1986 durch den Heimatverein Papenburg.

Insgesamt bereiste Hermann Sandmann 38 Jahre lang, davon 24 als Kapitän, die Weltmeere und erlebte dabei allerhand: Er begleitete deutsche Auswanderer nach Australien, erlebte in Brasilien die Vermählung eines kindlichen Kaisers und 1848 in Stettin die deutsche Revolution. Er geriet mit seinem Schiff, der „Landdrost Lütcken“ in die Wirren des Krimkrieges. 1856 schiffte er im Schwarzen Meer Heu und Stroh für die französische Armee und besuchte sogar direkt die Frontlinie in der Nähe von Sewastopol. An einem eigentlichen waffenfreien Sonntag hielten die russischen Soldaten den Kapitän Sandmann für einen Spion und warfen eine Bombe, die ihn aber verfehlte. Mit dem Schrecken davongekommen, wagte sich Sandmann danach nicht wieder in die Nähe der Kriegsschauplätze.

Eindrucksvoll ist auch die Episode, in der Hermann Sandmann noch als 20-jähriger Matrose 1838 nach Bangkok kam und dort mit der Besatzung in den Opium-Schmuggel verstrickt wurde. Mit der Reise von Australien zunächst nach Singapur und von dort nach Bangkok begab er sich unwissentlich in den Schmuggel von Opium. Der in seinen Lebenserinnerungen namenlose Kapitän des ebenso namenlosen Schiffes nahm im Hafen von Singapur mehrere Kisten Opium an Bord. Als die Crew die Ladung wenige Tage später in der Bucht vor Bangkok löschen wollte, wurde ihnen mitgeteilt, dass der Opium-Handel illegal war. Um eine Beschlagnahmung des gesamten Schiffes zu verhindern, meldeten der Kapitän und Sandmann die Ladung bei einem englischen Segler in der Flussmündung. Dieser nahm alle Kisten des Rauschgiftes auf und verfrachtete sie kurzerhand zurück nach Singapur. Nachdem das Schiff so erleichtert war, durfte die Mannschaft in Bangkok einlaufen. Hermann Sandmann schreibt in seinen Lebenserinnerungen eindrucksvoll von der thailändischen Metropole und ist so einer der wenigen Papenburger Kapitäne, der auch in Asien gesegelt ist.

1868 gab Sandmann das letzte Kommando an Bord auf, weil seine Augen und Ohren immer schlechter wurden. Danach wurde er Schiffsmakler in Papenburg. Insgesamt hat Hermann Sandmann während seiner fast vier Jahrzehnte auf See drei unterschiedliche Segler geführt. Er hat zwar allerhand erlebt, hatte aber nie eine Havarie oder auch nur einen einzigen Seemann unter seinem Kommando verloren.

Kapitän Gerhard Velthaus (Curacao, Karibik)

Die Geschichte des Papenburger Kapitäns Gerhard Velthaus ist eng verknüpft mit einem der letzten großen Segelschiffbauten in Papenburg, mit dem Dreimastschoner „Antje“. Dieses majestätische Schiff lief am 7. Oktober 1893 vom Stapel. Die Ems-Zeitung schrieb einen Tag später: „Eine ansehnliche Menschenmenge strömte gestern Nachmittag nach dem Thurmkanal zur Schiffswerft des Herrn Rud. Meyer, um einem Schauspiel zuzusehen, das man leider in Papenburg immer seltener die Gelegenheit hat zu sehen, dem Stapellaufe eines stolzen Segelschiffes.“ Weiter heißt es: „Aus allen Kehlen begrüßte ein lautes Jubelgeschrei den glücklich gelungenen Stapellauf und mit dem Wunsche, es möchte die ,Antje‘ im Kampf mit Wind und Wellen stets siegreich bleiben, sie möchte in fernen Ländern der Papenburger Schiffbaukunst Ehre machen und dem Besitzer in seinem gefahrvollen Unternehmen reichen Gewinn bringen.“

Die tat die „Antje“ dann auch mehr als zwei Jahrzehnte. 1901 übernahm dann Gerhard Velthaus das Kommando über das Schiff und fuhr 13 Jahre lang ohne größere Havarien oder Schiffbrüche – bis zum Sommer 1914. Bis dahin gehörten Velthaus und seine „Antje“ zu den letzten Repräsentanten der Papenburger Segelschiff-Flotte auf den Weltmeeren. Denn schon längst waren die Dampfschiffe auf den meisten Passagen den Segler weit überlegen. Im August 1914 wurde Kapitän Velthaus dann vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht, als er sich mit der „Antje“ im Golf von Venezuela aufhielt. Er hatte eine Ladung der Divi-Divi-Frucht an Bord. Sofort segelte Velthaus in das benachbarte Curacao, das zu den neutralen Niederlanden gehörte. Seine Ladung mit den tropischen Früchten konnte er dort löschen und wollte eigentlich die weitere Entwicklung abwarten, um dann nach Papenburg zurück zu kehren.

Es kam aber alles anders: Am 19. Februar 1915 starb Kapitän Velthaus auf Curacao völlig unerwartet an Herzversagen. Er wurde vor Ort beerdigt und der Nachlass an Bord der „Antje“ deponiert, um ihn der Witwe von Gerhard Velthaus bei der Rückkehr des Schiffes nach Papenburg zurück zu geben. Darauf musste diese aber bis 1920 warten. Denn erst weit nach Kriegsende konnte ein Gesandter des Deutschen Außenministeriums auf die Insel. Auch die „Antje“ hatte die Zeit nicht gut überstanden. Während der Kriegsjahre wurde das Schiff auf Sand gesetzt, war von Bohrwürmern zerfressen und sank bei dem Versuch, es in einen Hafen zu bringen. So endete die Geschichte eines der letzten Papenburger Segelschiffe und ihres Kapitäns fern der Heimat, in den tropischen Gefilden von Curacao.

Kapitän Johann Mammes (Atlantik vor England)

Eine äußerst stürmische Geschichte mit einem glücklichen Ende einen Tag vor Weihnachten erlebten Kapitän Johann Mammes und seine Frau Margaretha Adelheid im Dezember 1887 im atlantischen Ozean vor der englischen Küste. Das Ehepaar aus Papenburg war an Bord der Schonerbrigg „Norddeutsche Seewarte“ auf dem Weg vom englischen Hull ins italienische Santa Lucia mit einer Ladung Kohlen. Am 23. Dezember geriet das Schiff in schwere See durch einen Oststurm – mitten im Atlantik. Die „Norddeutsche Seewarte“ schlug dabei Leck und nahm viel Wasser auf, so dass das Schiff nicht mehr gesegelt werden konnte.

Margaretha Mammes war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. So wurde mitten im Sturm auf ein dem Leck geschlagenen Schiff am 23. Dezember die kleine Tochter des Ehepaars Mammes geboren. Sie nannten es Anna. Wie die Besatzung, das Ehepaar Mammes und das kleine Baby die folgenden Tage auf dem Wrack überleben konnten, ist unbekannt. Am 27. Dezember flaute der Sturm ab, doch es dauerte noch bis zum Neujahrstag 1888, bis endlich Rettung kam. Die Mannschaft des englischen Dampfers „Laurestina“ entdeckte die mittlerweile fast zerstörte „Norddeutsche Seewarte“ und konnte die Besatzung, Kapitän Mammes und seine Frau sowie die sieben Tage alte Tochter retten. Dabei mussten die Seeleute, das Ehepaar und auch das Baby an einem Seil festgebunden den Weg durch das eiskalte Wasser zurücklegen.

Glücklicherweise überlebten alle großen und ganz kleinen Seeleute der „Norddeutschen Seewarte“ die Tragödie und konnten an Bord der „Laurestina“ wieder zu Kräften kommen. Da der englische Dampfer auf Westkurs unterwegs war, konnte Kapitän Mammes mit seiner Familie und der Besatzung auf den Azoren von Bord gehen. Von hier ging es mit einem weiteren englischen Dampfschiff, der „Resolute“ zurück nach Bremerhaven und von dort schließlich nach Papenburg. Nach der Ankunft in der Heimatstadt, meldete Kapitän Mammes seinen Nachwuchs beim Standesamt der Stadt an. Dort notierte der Standesbeamte dann als Geburtsort: „… auf der Reise von Hull nach St. Lucia auf 45‘ Nord und 18‘ West im Atlantischen Ocean …“ – ein einzigartiger Geburtsort für die kleine Anna Mammes.

Kapitän H.C. Lange (Rio Grande do Sul, Südamerika)

Der Papenburger H.C. Lange war in den 1890er Jahren als Kapitän mit der Schonerbrigg „Horizont“ und dem Dreimastschoner „Emma“ an der Südküste Südamerikas rund um Brasilien und Argentinien unterwegs. Besondere Aufmerksamkeit erlangten seine Fahrten durch die Schilderungen seines Sohnes Christian Lange in der hiesigen Ems-Zeitung im Jahre 1960. Er begleitete seinen Vater ihn in der Zeit ab 1892 auf der „Horizont“ bis zum Ende des Schiffes im Jahr 1895, als es auf Grund lief, Leck schlug in der Folge abgewrackt wurde.

Viele Kenntnisse über die Fahrten der Papenburger Kapitäne auf der Südhalbkugel leiten sich von den Fahrten des H.C Lange ab. So beschreibt sein Sohn die Erfahrungen an Bord als spannende, entbehrungsreiche Zeit, die sich für die Schiffsführer aber lohnte. Denn die Fahrten „üm de West“ waren mit weniger Gefahren verbunden als im Nordatlantik oder im indischen Ozean. Doch auch diese Törns mussten sorgsam vorbereitet werden. Nur „kupferfeste“ Schiffe konnten sich auf die Passage nach Südamerika machen. Das Kupfer verhinderte das Anwachsen von Muscheln und Gras auf den Schiffen.

Meistens starteten die Papenburger Kapitäne dann in einem englischen Hafen wie Cardiff oder Bristol und segelten zwei Monate lang zu einem Hafen wie Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens – so wie H.C. Lange in der Zeit von 1892 bis 1895. Hatten die Papenburger Schiffe einen südamerikanischen Hafen erreicht, nahmen sie mehrere Fahrten rund um den Kontinent auf – eine schweißtreibende Arbeit für die gesamte Crew manchmal bei Temperaturen bis zu 40 Grad und Gefahren wie Gelbfieber. War der Kupferbeschlag des Schiffes abgenutzt oder die Klasse des Schiffes abgelaufen, bemühten sich die Kapitäne um eine Europa-Fracht und kehrten so nach zwei oder drei Jahren zurück in ihren Heimathafen Papenburg.

Diese Fahrten lohnten sich für die Papenburger Kapitäne bis 1896. Dann erließ die brasilianische Regierung ein Gesetz, das allen Schiffsführern in Küstennähe ein brasilianisches Kapitänspatent vorschrieb – eigentlich kein Problem für die Papenburger Seemänner, besaßen sie doch die nautischen Kenntnisse. Nur portugiesisch konnten leider die wenigsten und beendeten so ihr Engagement in Südamerika - wie auch H.C. Lange. Er fuhr noch einige Jahre Überseefahrten mit der „Emma“, aber um die Jahrhundertwende war das Fahren „üm de West“ nicht mehr attraktiv genug. So endete dieses Kapitel der Papenburger Seefahrt in Südamerika langsam aber sicher.